Warum ich die Bezeichnung Essstörung nicht mag – und weshalb wir trotzdem darüber sprechen sollten
Vor kurzem wurde ich gefragt, wie Hypothalamische Amenorrhoe (HA) mit Essstörungen zusammenhängt. Und ob HA nicht ein Symptom einer Essstörung ist. Die Antwort ist: natürlich gibt es einen Zusammenhang, wenn man es so sehen möchte. Ich finde die Bezeichnung und die Diagnose von Essstörungen allerdings sehr schwierig.
Als Klinische Psychologin habe ich in meinem Studium und in der angefangenen Psychotherapeutenausbildung viel zu der Diagnose von psychischen Störungen und in dem Rahmen natürlich auch zu Essstörungen gelernt. Meine Masterarbeit habe ich auch zum Thema Essverhalten im Zusammenhang mit Yoga geschrieben. Allerdings hat mich die Sichtweise zu Essstörungen und psychischen Störungen, die mir im Studium vermittelt wurde, immer gestört und ich habe mich nie wohl damit gefühlt.
Der „Störungsbegriff“ impliziert für mich, dass etwas mit der betroffenen Person falsch ist. Etwas ist gestört und sollte eigentlich nicht so sein. Für mich wertet das die Person ab und wird nicht der Verletzlichkeit und dem Problem dahinter gerecht. Denn eine Person, die eine „psychische Störung“ entwickelt, hat einen Grund, diese in dem Moment zu brauchen.
ALLES IST EIN KONTINUUM.
Abgesehen davon finde ich es schwierig zu unterscheiden, wer unter einer Essstörung leidet und wer nicht. Alles ist ein Kontinuum und besonders das Thema Ernährung und Essen spielt in unserer Gesellschaft eine immer größer werdende Rolle. Es gibt unzählige Ernährungsansätze und -theorien dazu, was gesund und was ungesund ist. Die einen raten dazu, auf Gluten zu verzichten, andere sagen, dass es nur das hochverarbeitete Weißmehl ist, das wir meiden sollten. Die nächsten verteufeln Zucker oder generell einfache Kohlenhydrate. Für wieder andere sollte Fett auf ein Minimum reduziert werden. Neue Ernährungstrends versuchen uns immer wieder zu verkaufen, was die absolut beste Ernährung für unseren Körper sein soll. Denn unser Körper soll ja in optimalem und möglichst gesundem Zustand sein. Das ist verwirrend und führt dazu, dass wir immer weniger auf unser eigenes Körpergefühl hören, sodass jeder mehr oder weniger ein bisschen „essgestört“ ist.
Diejenigen von uns, die die Kriterien einer „Essstörung“ erfüllen würden, sind beim Einhalten dieser Ernährungsregeln besonders diszipliniert und schießen etwas über das Ziel des gesunden Körpers hinaus. Dahinter steckt meist eine große Verletzlichkeit und dem Versuch den hohen Ansprüchen an sich selbst und anderer zu genügen.
ABER IST DAS "GESTÖRT"?
Tatsächlich ist es so, dass die „Dunkelziffer“ von problematischem Essverhalten sehr hoch ist und immer stärker steigt. Und in den meisten Fällen wird die Diagnose wahrscheinlich gar nicht gestellt.
Ich habe meine eigenen Erfahrungen mit meinem Essverhalten. Lange Zeit bin ich hart mit mir selbst und meinem Körper umgegangen. Habe mich selbst kontrolliert und versucht, die „perfekte“ Ernährung zu finden. Und wurde dadurch letztendlich nicht gesünder, sondern nur dünner und unglücklicher. Ich habe in diesem Artikel schon einmal dazu geschrieben.
Mich selbst als „essgestört“ zu betrachten, hätte nicht gerade zu einem positiveren und liebevolleren Selbstbild beigetragen. Deswegen finde ich, dass uns diese Bezeichnung nicht weiterbringt. Wenn man sowieso schon hart mit sich selbst umgeht, dann muss man sich nicht noch in die Schublade der Essstörungen stecken.
ICH PLÄDIERE DAFÜR, DIE ZUNAHME VON ESSSTÖRUNGEN NICHT ALS INDIVIDUELLES, SONDERN ALS GESELLSCHAFTLICHES PROBLEM ZU SEHEN.
Wir sollten vielleicht mehr die Frage in den Vordergrund zu stellen, warum immer mehr Menschen den Kontakt zu sich und ihrem Körper verlieren und darüber problematisches Essverhalten entwickeln. Und warum Frauen ihre Weiblichkeit und ihre weibliche Form ablehnen und sich selbst unter Druck setzen, einer bestimmten Form zu entsprechen.
Dies ist meiner Meinung nach ein Problem, das uns alle betrifft. Und wir können zu einer Lösung beitragen, indem wir es eben nicht stärker problematisieren, sondern wieder zu einer liebevolleren Sichtweise auf unsere Körper beitragen. Indem wir bei uns selbst anfangen, können wir so andere inspirieren und positiv beeinflussen. Wenn wir beginnen, wieder auf unseren Körper zu hören und darauf zu vertrauen, dass er uns sagen kann, was gesund ist und was wir brauchen, können wir dazu beitragen, dass auch andere diesbezüglich wieder entspannter werden.
Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, zu erkennen, wann jemand Hilfe benötigt. Wenn du das Gefühl hast, Unterstützung zu brauchen, um wieder zu einem gesunden Körpergefühl und Essverhalten zu finden, dann wende dich an andere – schreib gerne mir, ich helfe dir, Unterstützung zu finden. Oder sprich mit einer Person, der du vertraust und bitte sie um Hilfe.
Wenn du das Gefühl hast, jemand in deinem Umfeld könnte Unterstützung brauchen, dann sprich die Person liebevoll darauf an. Sag ihr/ihm, dass du für ihn da bist und dir Sorgen machst. Biete deine Hilfe an und lass der Person Raum zu entscheiden, ob sie diese annehmen möchte.
SEI EIN POSITIVES VORBILD.
Und am wichtigsten: Sei ein positives Vorbild für andere, indem du wieder mehr auf deinen Körper hörst und dir selbst vertraust. Das trägt zu der Entspannung und Heilung der Beziehung zum Körper anderer bei.
Und um noch einmal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: HA hängt häufig mit restriktivem Essverhalten und (zu) viel Sport zusammen. Dies sind unter anderen auch Kriterien einer "Essstörung". Aber HA tritt häufig auch bei Frauen auf, die objektiv gesehen nicht zu dünn sind und durch die Diagnosekriterien nicht erfasst werden würden. Deshalb spreche ich lieber davon, den Kontakt zum eigenen Körper und zur Weiblichkeit verloren zu haben. Denn dazu zurückzufinden ist relevant und ausschlaggebend für die Heilung der HA.
Was ist deine Meinung zu dem Thema? Kennst du das bei dir selbst? Schreib mir sehr gerne hier, hinterlasse einen Kommentar unter dem Artikel oder bei Instagram.
Love
Helen